Autor Thema: Minne im Larp  (Gelesen 3798 mal)

Anne

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Minne im Larp
« am: Februar 11, 2012, 13:35:07 »
Ich lerne gerade auf eine Klausur und bin über ne Abhandlung gestolpert, die ich sehr interessant finde. Es geht um das Selbstverständnis von Gabe, und davon ausgehend, dem Dienst-Lohn Verhältnis in der Minne:

JACQUES DERRIDA, Falschgeld. Zeit geben 1. Aus dem Französischen von Andreas Knop und Michael Wetzel. München 1993 [1991]
„Die Gabe jedoch, wenn es sie gibt […]darf nicht zirkulieren, sie darf, nicht getauscht werden, […]. Gabe gibt es nur, wenn es keine Reziprozität gibt, keine Rückkehr, keinen Tausch, weder Gegengabe noch Schuld. Wenn der andere mir das, was ich ihm gebe, zurückgibt oder es mir schuldet, das heißt mir zurückgeben muß, wird es keine Gabe gegeben haben, […]. Letztlich darf der Gabenempfänger die Gabe nicht einmal als Gabe an-erkennen. Wenn er sie als Gabe an-erkennt, wenn die Gabe ihm als solche erscheint, wenn das Präsent ihm als Präsent präsent ist, genügt diese bloße Anerkennung, um die Gabe zu annullieren. Die bloße Identifikation der Gabe scheint sie zu zerstören. […] Die Gabe als Gabe dürfte letztlich nicht als Gabe erscheinen: weder dem Gabenempfänger noch dem Geber. Gabe als Gabe kann es nur geben, wenn sie nicht als Gabe präsent ist.“ 

KATHARINA PHILIPOWSKI: Aporien von dienst und lôn im ‚Mauritius von Craûn’ und in der ‚Heidin’.GRM 59 (2009), S. 211-238
"So wie die Gabe zur Gegengabe drängt, die sie auslöscht, wenn sie gegeben wird, so drängt der dienst zum lôn, der diesen jedoch nicht nur beendet, sondern aufhebt. Denn der dienst rechtfertigt sich allein durch die Vollkommenheit der Dame. Doch als vollkommene kann die Dame den Anspruch auf lôn nicht anerkennen, denn der Werbende kann angesichts ihrer Vollkommenheit niemals genug gedient haben. Die Anerkennung von Angemessenheit seines dienstes würde ihre Vollkommenheit und damit das Ziel des dienstes zerstören, weil das Vollkommene sich dadurch auszeichnet, unerreichbar zu sein. […] So wie die Gegengabe die Gabe zerstört, indem sie sie zum Tausch macht, zerstört der lôn den dienst, der ihn zum Ziel hat...“
„Auch der dienst versteht sich als selbstgenügsam. dienst, der unmittelbar auf die Hingabe der Dame abzielte, wäre kein dienst. Jeder Verdacht der Ökonomie, des Tausches oder des Kalküls wird durch die staete zurückgewiesen […]. Der dienst ist so hoffnungslos und frei von Erwartung wie die Gabe voraussetzungslos und ohne Kalkül ist. Beides aber, Gabe wie dienst, ist von seiner Struktur her bereits zum Scheitern verurteilt: Die Gabe, weil sie zur Gegengabe zwingt, der dienst, weil er, auch wenn er dieses Ziel verleugnen muss, um überhaupt dienst zu sein zu können, letztlich immer sein Ende, den lôn, bezweckt.“


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Meint ihr, diese Art von selbstzerrissener Minne ist im Larp möglich?
Eine abweisende Minneherrin, die nicht mal ein Gunstband rausrückt, und ein hoffnungsvoll werbender Minnediener, der dennoch unverdrossen wirbt, weil er weiß, dass sie im Grunde nicht auf sein Flehen eingehen darf?
« Letzte Änderung: Februar 11, 2012, 13:36:52 von Anne »

Pax

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Re: Minne im Larp
« Antwort #1 am: Februar 11, 2012, 19:17:12 »
OTOT BORST: Alltagsleben im Mittelalter. Frankfurt a.M. 1983 S. 397f.
Dem Krieger ist die Frau ein Wesen inferiorer Art. Frauen sind dem Manne gegeben "por sa nécessité et délectation". ... Sehr bezeichnend, daß man einmal sagen konnte, der Minnesang wiederspreche der "ritterlichen Geistesart" (E. Wechssler). Für das Gros der ritterlichen Männer geht es, man wird sich das nicht einfach und rüde genug vorstellen können, um den männlichen Sieg und die weibliche "Niederlage".  ... Schon Neidhart ... verkehrt in seiner von 1215 an erscheinenden Dichtung die Minne in ein Kontrastprogramm und verfremdet sie zum Kehrbild der bloßen, gierigen, fingernden sexualität:

Minne, hôhe sinne solten dîn geleite sîn.
ich muoz mich ze manegen stunden für dich schamen:
du verliusest dicke dînen riutelstap.
daz dû swachen vriunden gist dîn haerîn vingerlin,
dêst dîn êre kranc.
daz dû, frouwe, habest undanc!
in dîn haerîn vingerlîn ein kneht den vinger dranc.
« Letzte Änderung: Februar 11, 2012, 19:19:26 von Pax »

Anne

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Re: Minne im Larp
« Antwort #2 am: Februar 11, 2012, 19:36:05 »
was immer du mir damit auf meine Larpbezogene Frage sagen willst - hast du fein zitiert, Pax :P

Pax

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Re: Minne im Larp
« Antwort #3 am: Februar 11, 2012, 20:05:39 »
Minne ist eine Erfindung des Bozis um Männer verweichlichen zu lassen und sich unter die Knute einer Frau zu begeben!

Wenn das entsprechend abgesprochen wird und beiden Beteiligten das entsprechende Spiel zusagt kann solch ein Minnespiel auch im LARP umgesetzt werden. Der Minnende Ritter, der nach dem perfekten Minnedienst strebt und im Zweifel ist, ob die Dame ihn überhaupt erhört, und die unnahbare Dame, die so gerne dem Ritter antworten würde aber dem Minnenden nicht auch nur Signal geben darf. Da niemand in die Köpfe der Beteiligten blicken kann gehört dann natürlich dazu seine Umgebung dabei einzubeziehen. Also als Minnediener Rat einholen oder sein Umfeld in die Minne mit einbeziehen während die Dame sich bei ihren Vertrauten ausheult über ihre auswegslose Situation und versucht weitere Informationen über den Minnenden einzuholen, ohne dass dieser es merkt.
Es wird aber ein Spiel in kleinem Kreis sein um das Ganze nicht ins Komische abdriften zu lassen und die nötige Intimität zu wahren, die der Minne zusteht.

Heidensohn

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Re: Minne im Larp
« Antwort #4 am: Februar 15, 2012, 15:31:55 »
Minne ist ein in literarischer Form überliefertes Spiel mit Perfektion in und mit einem höfischen Verhaltenskonstrukt. Dieses literarisch konservierte Spiel nun wiederum in einem Spiel wie Larp angemessen und spaßbringend umzusetzen erscheint mir etwas knifflig. Man kann vielleicht versuchen mit Rollen und Szenarien zu spielen, in denen das Konzept der Minne und sogar reale Minnelieder teil des Hintergrundes sind, aber Minne, wie sie durch neuzeitliche Interpretationen mittelalterlicher Texte erschlossen ist, wirklich zu spielen halte ich für fast unmöglich.
Gerade für die Umsetzung des ersteren braucht es ein Spielumfeld, das gewisse Grundkenntnisse mitbringt und dabei mitspielt, sowie die Akzeptanz der zweiten Hüls'schen Regel bei Dame und Ritter im Bezug auf ihr Umfeld. Die Interaktion zwischen Dame und Ritter ist ja recht beschränkt, so dass das wie Pax geschrieben hat das Umfeld der eigentliche Spielpartner ist. Zugleich ist Minne eben nicht intim, sondern absolut öffentlich. In gewisser Weise ist in einer höfischen Adelsgesellschaft ja auch der Verzicht auf Öffentlichkeit öffentlich.

Aus Sicht des Spielspaßes wäre es also nicht die Frage "Krieg ich sie/ihn, oder krieg ich sie/ihn nicht?", sondern "Wie reagiert unser Umfeld auf meine Taten?" Im Larp wäre nicht die (literarhistorisch viel beschriebene) Innensicht der Hauptfiguren, sondern Konflikte, die sich aus der Minnewerbung, bzw. dem Ablehnen derselben mit ihrem Umfeld ergeben (Vater, Waffenbrüder, Hüterin/Amme, Lehensherr, Gefolge - wobei Pax erster Satz eine wunderbare IT-Meinung ist), das Interessante. In gewisser Weise eine Abwandlung des Erec/Iwein-Themas um die richtige Balance zwischen Minne und profanen Verpflichtungen, das schon während der Werbung einsetzt.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kann ich mir vorstellen, dass dieser Ansatz, der das Hauptaugenmerk weg von dem idealtypisch sehr statischen Verhältnis zwischen Dame und Ritter auf dynamischere Spielgebiete, die aus dem statischen Verhältnis erwachsen, lenkt, ganz gut funktionieren kann und Spaß machen würde. Man braucht halt die richtigen Mitspieler und sollte nicht mit besonders viel Romantik rechnen.

Soweit mein Geschwafel. Ich lese es besser nicht nochmal durch, sonst lösche ich es wieder.

Nyxion

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Re: Minne im Larp
« Antwort #5 am: März 07, 2012, 01:01:37 »
Aus Sicht des Spielspaßes wäre es also nicht die Frage "Krieg ich sie/ihn, oder krieg ich sie/ihn nicht?", sondern "Wie reagiert unser Umfeld auf meine Taten?" Im Larp wäre nicht die (literarhistorisch viel beschriebene) Innensicht der Hauptfiguren, sondern Konflikte, die sich aus der Minnewerbung, bzw. dem Ablehnen derselben mit ihrem Umfeld ergeben (Vater, Waffenbrüder, Hüterin/Amme, Lehensherr, Gefolge - wobei Pax erster Satz eine wunderbare IT-Meinung ist), das Interessante.

Wie Recht er doch hat... ;D Äh, ja. :-X

Aber was wollte ich eigentlich sagen?
Ich halte die oben beschriebene Form für sehr schwer, da es schwierig ist, nicht in das "Magische-Rüstung-Problem" zu rutschen, nämlich Darstellung durch Nicht-Darstellung. Aber veruchen kann man es natürlich trotzdem, insbesondere wenn die Dame nicht darf. Denn will sie nicht, so könnte man das schließlich auch im Spiel einbringen. Aber wenn es vom Minnenden gewünscht ist, kann es sicher toll sein. Doch sollte sowas mMn nicht unabgesprochen versucht werden. Das könnte für Frust sorgen.

Generell tendiere ich aber zu: Je mehr Interaktion von beiden Seiten, desto schöner wird es meiner Meinung nach.
Ein Beispiel vom L&L, das mir hierzu einfällt geschah im Rahmen des von Robert angeregten heimlichen Minnespiels, bei dem die Herren die Damen beminnten ohne ihre Identität preiszugeben. Nun ist ein Versuch den richtigen herauszubekommen und Getuschel mit der Zofe natürlich etwas, das nur wenigen Spielansatz bietet und somit das Spiel der Damen recht eingeschränkt. Doch hat eine Dame (Esche) hier etwas Aufmerksamkeit auf das ganze gelenkt, indem sie bei brütender Mittagssonne einen Pelzschal trug, was natürlich für Verwunderung sorgte und es stellte sich heraus, dass der Herr einen Fuchs geschossen hatte bei der Jagd, ihn dann ihr schenkte und sie diesen als Zeichen ihrer Gunst nun tragen musste, trotz des Wetters.
Was will ich damit sagen? Stiller Konsum und Im-Zimmer-Ablegen-des-Geschenks bringt kein Spiel. Und das ist es doch, was stets das Ziel sein sollte. Und genau hier sehe ich die Schwierigkeit bei einer einseitigen Minne.